Das Mettinger Mineralienmuseum präsentiert:
Stein des Monats November: Strontianit

Da die Zeit der Weihnachtsbäckerei langsam näher rückt, haben wir uns in diesem Monat einen Stein ausgesucht, der als Katalysator zur Restentzuckerung von Melasse eingesetzt wurde. Die Rede ist von Strontianit, dessen einzige zum Abbau geeignete Lagerstätte sich in einem kleinen Landstrich im südlichen Münsterland befand.
Strontianit wurde 1790 im schottischen Ort Strontian entdeckt, vom Naturforscher Friedrich Gabriel Sulzer beschrieben und nach seinem Fundort benannt. Es handelt sich um ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Carbonate und Nitrate und ist chemisch gesehen ein Strontiumcarbonat.
In reiner Form ist Strontianit farblos und durchsichtig, kann aber durch Beimengungen von Fremdstoffen eine graue, braune, grüne, gelbe oder rötliche Farbe annehmen. Die ausgebildeten Kristalle können nadelig,spießig oder säulenförmig-rhombisch sein.
Strontianit ist ein hydrothermales Mineral. Heißes Wasser mit gelösten Elementen, hier Strontium und Kohlenstoff, dringt in Hohlräume oder Adern in Gestein ein. Wenn das Wasser verdunstet, kristallisieren die Elemente.
Üblicherweise kommt Strontianit in Adern aus Kalkstein, Kreide und Mergel vor, sowie in Hohlräumen von Lavagestein. Es gibt ihn aber auch in Form von Geoden oder Konkretionen.
Im Münsterland wurden 1834 erste Steine in Nienberge entdeckt, weitere Funde gab es 1839 /40. Diese Steine wurden wegen ihrer schönen karminroten Flammenfärbung ( sog. bengalisches Feuer) an Apotheker verkauft.
Das Interesse am Strontianit änderte sich erst, als es 1871 dem Ingenieur Max Fleischer in Dessau gelang mit Hilfe von Strontianit als Katalysator aus der Melasse den Restzucker zu gewinnen. Der auf diese Weise gewonnene Zucker war von besonders hoher Qualität. Ihn zeichneten gleichmäßige Körnung, Reinheit und weiße Farbe aus. Bei der Zuckergewinnung aus Zuckerrüben fällt ein dunkelbrauner, zäher Sirup an, die Melasse. Sie enthält noch 50 % Zucker, der aber nicht mehr auskristallisiert. Deshalb hatte man schon lange nach Methoden gesucht, den „Restzucker“ aus der Melasse zu isolieren. In Deutschland und Österreich- Ungarn gab es zur damaligen Zeit eine Zuckersteuer, die sich an der Menge der verarbeiteten Rüben und nicht an der tatsächlichen Zuckerproduktion orientierte. Jede Steigerung der Zuckerausbeute bedeutete daher Gewinn. Im Münsterland kam es mit Beginn der Melasse-Entzuckerung zu einem Goldrausch, vergleichbar mit der kalifornischen Goldgräberstimmung, der aber nur 10 Jahre anhielt. Insgesamt gab es etwa 700 Gruben mit maximal 2 200 Bergleuten, die sich im Gebiet östlich bis Oelde, südlich bis Hamm, westlich bis Nordkirchen und nördlich bis Münster und Warendorf befanden. Die Stadt Drensteinfurt war mit 180 Gruben der Hauptort des Strontianitabbaus im Münsterland. Ein Teil der Gruben waren Minipütts, wie bei den Kleinbetrieben im Steinkohlebergbau nach dem 2. Weltkrieg. Gemeinsam war allen Gruben das Problem des starken Grubenwassers, aber nur in den größeren Gruben gab es entsprechende Pumpen, die das Wasser bewältigen konnten. Die Kleidung der Bergleute bestand aus Holzschuhen und einfacher Kleidung mit Kappe oder Hut. Arbeitsgerät war eine einfache Hacke. Gefördert wurde mit einem Handhaspel. Der Schacht war häufig nur wenige Meter tief. Der hoffnungsvoll begonnene Strontianitbergbau im Münsterland scheiterte aber schon nach kurzer Zeit. Einerseits waren die Strontianit- Unternehmer gar nicht in der Lage die großen Mengen Strontianit für die sich schnell ausweitende Melasse-Entzuckerung zu liefern, andererseits machte das preisgünstigere Ersatzprodukt Coelestin den Strontianit auf dem Weltmarkt rasch überflüssig. Coelestin, das in England und in der Nähe von Arolsen in mächtigen Lagern abgebaut wurde, erwies sich als eine nicht zu schlagende Konkurrenz. Später wurde der Zucker aufgrund der Zuckerrohrproduktion auf dem Weltmarkt so billig, dass sich irgendwann die bisherige Ausbeute aus der Melasse nicht mehr lohnte.
Einige wenige mit dem Strontianit- Abbau befassten Gruben wurden noch bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs betrieben, da Strontianit auch in der Pyrotechnik, bei der Entschwefelung in der Stahlindustrie und bei der Waffenproduktion ( Leuchtraketen) genutzt wurde. Als letzte strontianitfördernde Grube stellte die Grube Wickensack in Ascheberg im Januar 1945 ihren Betrieb ein.
Seit den 1980er Jahren wird Strontianit in Tongling in der Volksrepublik China abgebaut. Heute findet Strontianit Verwendung in Hartferrit-Magneten, in Fernseh- und Computer-Bildschirmglas, in pyrotechnischen Erzeugnissen und in Medikamenten. Wer sich selbst ein Bild vom Bergbauboom machen will, dem sei der Film Wild Wild Westfalen der Arbeitsstelle Forschungstransfer (AFO) der Universität Münster (2023) empfohlen.

